Freitag, 4. juli 2008

Es war absoluter Blödsinn, dass eine Frau eine andere Frau auch nur ebenso glücklich machen konnte wie ein Mann im Rahmen gegenseitiger Herzensliebe, das wusste Robert Henderson normalerweise ganz genau. Doch sobald Patricia Henderson begann, in diese Richtung zu sinnieren, spürte Henderson Zweifel. War es wirklich zu 100% ausgeschlossen, dass Frauen einfühlsamer und entschlossener waren? Oder hatte er in seinen Rechnungen irgendeinen Fehler? Nicht einmal Patricia hätte ihm helfen können, auch sie konnte natürlich nicht wirklich exakt vergleichen, ob sie Geschlechts bedingt einfühlsamer und entschlossener war als Männer. Außerdem belog sie gerade ihren geliebten Mann an der Stelle instinktiv, indem sie die allgemeine Position der Frauen besonders entschlossen bezog.

 

Rituelle Kämpfe waren mehr als das halbe Leben einer Sippe: Jeder gegen jeden, jede Gruppe gegen jede Gruppe und sogar jeder gegen sich selbst - Humor in eigener Sache ist Selbstritual gegenüber anderen. Der hohe Aufwand der natürlichen Gruppendynamik fiel nur deshalb nicht auf, weil er nicht als Arbeit empfunden wurde, wie Robert Henderson wusste. Seine Abteilung war nicht deshalb so gut, weil die effektive Arbeitszeit pro gezahlter Stunde so hoch lag, sondern, weil man die Dinge richtig anfasste.

 

Das Faszinierendste am Sozialnetz der Herzensbeziehungen schien Henderson der Umstand, dass die Strukturen immer dahin führten, dass letztlich absolut alle gegen einen uneinsichtigen Sündenbock gestanden hätten, egal, wer der Sündenbock gewesen wäre. Die stärkste Liebe war die Liebe zur Gerechtigkeit. Wie eine Schlange zog sich der ganze Rest einer Sippe um jeden, der asozial auch nur zu entgleisen drohte, um ihn mit möglichst sanftem Druck wieder fest auf die Schienen zu bekommen. Das System war perfekt.

 

Mary Shelton erklärte der Dorothy Downing in der Küche, dass der Mann zwar jederzeit Geborgenheit, aber niemals Lust von der Frau verlangen durfte. Um Lust durfte er nur bitten, die Frau war seine Göttin der Lust. Sie gab ihm, was er sich durch Liebe verdiente. Hatte sie ihm Lust gegeben, dann war ihr anschließend zwingend selbst nach Lust zumute. Dann gehörte das Feld dem Mann, dann hatte sie zu bitten, dann war es seine Sache, wie er ihr die Lust gab. Mary Shelton wusste, dass diese natürliche Sexualschema der Grund war, weshalb der Mann immer Lust auf Lust, die Frau aber nur unter bestimmten Umständen Lust nach Lust hatte, nämlich immer erst dann, wenn sie gerade selbst Lust gegeben hatte. Damit lag es jederzeit in der Hand der Frau, den Mann im Guten zu beherrschen:" Komm, und sei lieb zu mir!"

Ausnahmen gab es in Fällen einseitiger Abhängigkeit der Frau, dort konnte es auch anders funktionieren, aber niemals in gesunden Beziehungen. Der Mann erfuhr seine Lust, indem die Frau ihm den Beweis abnahm, wie sehr er sie begehrte. Sie machte ihn immer erst scharf, bevor er kosten durfte. Nichts, aber auch gar nichts bekam er, ohne dass er nach dem Empfinden der Frau hinreichendes Begehren spüren ließ. So stellte sie sicher, dass er sie zu schätzen wusste, ganz tief in seinem Herzen.

Und sie forderte ihm zuletzt ab, ihr zu beweisen, mit welcher Macht seine Zunge gegen ihre Hand kämpfen konnte, um ungehinderten Zugang zu ihrer Vagina zu haben. Bis zum höchsten Eifer trieb sie seinen Kampf, liebevoll, aber entschlossen, erst dann durfte er ungehindert saugen und lutschen. In dem Moment erlebte der Mann den Höhepunkt seines Lustrausches, damit gehörte sein Herz der Frau. Das meinten Männerherzen, wenn Männer eine Frau "vernaschen wollten". Wenn die Frau sich das Herz des Mannes so gesichert hatte, dann wollte sie sich ihm hingeben, nur dieses Schema war im Grunde bekannt: Der Kopulationsakt. In der Natur ausschließlich männlich dominant betrieben, wurde er längst männlich oder weiblich dominant betrieben, seitdem die erste Stufe des Naturverfahrens nicht mehr praktiziert wurde. Verlieben konnte sich aber stets nur einer, die partnerschaftliche Katastrophe war programmiert. Das war im Naturverfahren unmöglich, das Unentschieden war das sichere Ergebnis.

 

Mary Shelton erklärte Mrs. Downing auch, woran eine Frau es sieht und spürt, was ein Mann fühlt. Sobald Mrs. Downing Steinberg den Beweis seiner Liebe abgenommen hatte, durfte er von seinen Fesseln befreit werden, dann würde Dorothy Downing sich ihm hingeben. Er würde dann absolut alles mit ihr machen dürfen, und sie brauchte dennoch nicht die geringste Sorge zu haben. Er würde nur vor dem Hintergrund tiefster Herzensliebe mit ihr umgehen. Mary Shelton machte der Dorothy Downing klar, dass es ganz und gar darauf ankomme, Steinbergs Eifer zum Höchsten zu treiben, bevor er dann beliebig genießen durfte. Nur dann funktionierte es wirklich, dann aber bombensicher.

 

Wäre Jim Downing nicht so sehr mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt gewesen, dann hätte ihm auffallen können, dass Kelly Davis die Frau von Robert Henderson war. Robert Henderson war vertrauensselig geworden, sonst wäre es ihm garantiert nicht unterlaufen: So begeistert, wie er seinem Freund Jim Downing Kelly Davis beschrieben hatte, sprach ein Mann nur über die Frau, die er wirklich liebte oder zur Frau begehrte. Auch Henderson war nur ein Mensch.

Davon, dass man Rita Jenkins ähnliche Bilder gezeigt hatte, wie Kelly Davis dem Steinberg, war Henderson überzeugt. Auch Rita Jenkins war in Rekordzeit emotional auf den Boden der Tatsachen gebracht worden, obwohl auch sie größten Schrecken als Täterin kannte und hart geschult war.

Nach üblichen Maßstäben hätten alle Beteiligten lebenslange Haftstrafen bekommen müssen, doch nach den Ritualen würden sie zu 100% geläutert sein. Nichts würde ihr Einstellungsmuster von dem eines Menschen unterscheiden, der niemals gefehlt hatte. Das Urvertrauen war in jedem Menschen jederzeit vollständig reproduzierbar, solange keine hirnorganischen Defekte insofern vorlagen. Dafür brauchte man im Prinzip nur Liebe, doch ohne sie war man machtlos. Die offiziell organisierte Psychiatrie war für Henderson eine untaugliche Seifenblase der Satanisten, sonst absolut nichts. Die Psychiatrie pfuschte an den Symptomen und erzielte bestenfalls oberflächliche und geringfügige Besserungen. Mehr wollte die Psychiatrie auch gar nicht, so war es im Sinne der Satanisten. Das ganze offiziell organisierte System lag inoffiziell in den Händen der Satanisten, darum war es so unmenschlich und so marode, so durch und durch verlogen und verfault.

 

Robert und Patricia Henderson gehörten zu dem weltweiten Team derer, die den Schlüssel zur Auslösung der Apokalypse gefunden hatten. Jeden Satanisten konnte man nun prinzipiell genau so umdrehen, dass er im Normalfall ein friedlicher Zeitgenosse war, durch Umschaltung aber dazu gebracht werden konnte, exakt so böse, wie er als Satanist mit anderen umgegangen war, nun mit Satanisten umzugehen. Damit stand den Antisatanisten grundsätzlich das vollständige Kampfarsenal der Satanisten zur Verfügung, um die Satanisten zu bekämpfen. Diesen Krieg konnten die Satanisten unmöglich gewinnen, aber Henderson konnte abschätzen, in welchen Größenordnungen der Schrecken zwangsläufig toben musste. Es bestand kein Zweifel für Henderson, das war die Apokalypse.

 

Robert Henderson wollte die Katastrophe nicht, und er hasste keinen einzigen Menschen auf der ganzen Welt mehr als Charles S. Eaglestone. Patricia Henderson wollte die Katastrophe auch nicht, und sie hasste keinen einzigen Menschen auf der ganzen Welt mehr als Kelly Davis. Doch beide waren zu absolut allem bereit, sobald es ihnen nötig schien, um den Satanismus zu stoppen. Beide wussten, dass man Schrecken unter gar keinen Umständen treiben lassen darf, wenn man ihm nicht ganz zum Opfer fallen will. Und dass sie selbst im Team ganz vorn dabei waren, lag nicht zuletzt auch daran, dass sie an möglichst verantwortungsbewusstem Einsatz eigenen Schreckens interessiert waren. Sie operierten nicht an der Grenze von Gut und Böse, nicht dort, wo das eine soeben ins andere übergeht, sondern an der Grenze von herzensgut zu absolut böse. Beide wussten ganz genau, wohin es führen musste, wenn an dieser Grenze die falschen Leute sitzen würden. Es gab nicht wenige, die die Apokalypse längst ausgelöst hätten, doch die Hendersons hielten eine Kombination von viel Zucker mit möglichst wenig, aber nicht zu wenig Peitsche für das Reformkonzept. Jedenfalls dann, wenn sie die Hendersons waren. Charles S. Eaglestone oder Kelly Davis hätten anders geurteilt.

 

Doch Kelly Davis hin und Charles Eaglestone her, wussten die Hendersons, dass es auf das Gesamtkonzept ankam. Die Umdrehungen der Downings, von Rita Jenkins und Steinberg waren nur ein kleiner Mosaikstein in einem auf verschiedenen Ebenen wirksamem Konzept. Neben Hexenjägern nach dem Henderson-Schema gab es auch andere wirksame Gegner der Satanisten. Zunächst waren die Satanisten natürlich ihre eigenen Feinde, weil sie sich selbst und auch gegenseitig fertig machten, innerhalb von Strukturen, aber auch zwischen rivalisierenden Bündnissen. Untereinander wollte man es zwar nicht wirklich darauf ankommen lassen, aber man kämpfte subtil und das auch im Verborgenen bis hin zu Mord und Folter. Hexenjäger ordneten zudem auch arabische Terrorvereinigungen als satanistisch ein, wegen ihrer gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen. Die aber waren auch Todfeinde der westlich geprägten Satanisten.

 

von Winfried Sobottka
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